Annex 1: Erfahrungen und Praxisbeispiele zur Umsetzung in der Pharmaindustrie
Die Pharmaindustrie steht vor ständigen Herausforderungen. Besonders die Implementierung neuer Regularien wie des Annex 1 stellt Unternehmen vor komplexe Aufgaben. Welche Erfahrungen wurden bisher gemacht? Wo liegen die größten Schwierigkeiten? Genau darüber sprach Ruven Brandes im Webinar am 05.09.2025 – und wir haben die wichtigsten Erkenntnisse für Sie zusammengefasst.
Die Herausforderungen des Annex 1
Der Annex 1 hat seit seinen ersten Entwürfen für erheblichen Diskussionsstoff gesorgt. Zahlreiche Einsprüche und die Komplexität der Materie haben die Umsetzung erschwert. Es haben sich Zwei Lager gebildet. Einerseits Firmen und Behörden, die den Annex 1 als Zusammenführung bestehender Praktiken sehen. Andererseits die Zulieferindustrie, die die Details und Feinheiten als große Herausforderung betrachtet.
Das Risikomanagement, die Prozessumgebungskontrollen und die Kontaminationskontrollstrategie (CCS) sind zentrale Punkte. Diese Bereiche werden im Annex 1 ausführlich behandelt und stellen die Industrie vor große Aufgaben. Viele Unternehmen stehen noch vor der Frage, wie sie diese Anforderungen vollständig erfüllen können.
Die Kontaminationskontrollstrategie (CCS)
Die Kontaminationskontrollstrategie (CCS) ist ein zentrales Element des Annex 1. Sie soll alle Einzelpunkte der GMP-Qualität vereinheitlichen. Viele Unternehmen stehen vor der Herausforderung, die CCS in ihr System zu integrieren und ein lebendiges Steuerungselement zu schaffen.
Die Einbindung von Dienstleistern ist ein weiterer wichtiger Aspekt. Die Dienstleisterqualifizierung hat eine neue Bedeutung bekommen. Unternehmen müssen sicherstellen, dass ihre Dienstleister erforderliche Punkte des Annex 1 erfüllen.
Smoke Studies: Strömungsvisualisierung im Fokus
Smoke Studies gewinnen zunehmend an Bedeutung. Sie dienen nicht mehr nur der Visualisierung der Luftströmung. Sie sind ein wichtiges Instrument zur Qualifizierung und zur Schulung der Mitarbeiter. Die Inspektoren fordern eine detaillierte Darstellung und Interpretation der Smoke Studies.
Mit Strömungsvisualisierungen lassen sich Qualifizierungsschritte einsparen. Wichtig ist, dass die Mitarbeiter in die Analyse der Filme eingebunden werden. So können sie ihr Verhalten im Reinraum besser verstehen und optimieren. Moderne Techniken wie CFD-Simulationen unterstützen die Bewertung der Strömungsverhältnisse.
First Air Prinzip: Schutz des kritischen Bereichs
Das First Air Prinzip ist ein weiterer wichtiger Aspekt des Annex 1. Es beschreibt den Schutz des Produkts vor Kontamination durch die zuerst anströmende, reine Luft. Die Definition und Umsetzung dieses Prinzips stellt viele Unternehmen vor Herausforderungen.
Die Schulung der Mitarbeiter ist entscheidend, um das First Air Prinzip zu verstehen und korrekt anzuwenden. Durch Strömungsvisualisierungen können die Mitarbeiter die Auswirkungen ihres Handelns auf die Luftströmung erkennen und ihr Verhalten entsprechend anpassen. Die Integration des First Air Prinzips in die Risikobewertung ermöglicht eine gezielte Überwachung kritischer Bereiche.
Barrieretechnologien: Isolator versus RABS
Die Wahl der geeigneten Barrieretechnologie ist ein kontrovers diskutiertes Thema. Der Annex 1 listet verschiedene Optionen auf, wobei der Isolator an erster Stelle steht. Die Interpretation dieser “Abfolge” führt zu unterschiedlichen Ansichten und Praktiken.
Die Entscheidung für oder gegen einen Isolator sollte risikobasiert erfolgen. Eine enge Abstimmung mit den Behörden ist ratsam. Aktive RABS (Restricted Access Barrier Systems) können eine Alternative sein, wenn sie die Anforderungen des Annex 1 erfüllen. Eine saubere Risikoanalyse und ein kontinuierliches Monitoring sind dabei unerlässlich.
Schulung und Verhalten: Der Mensch im Fokus
Schulungen sind ein zentraler Punkt des Annex 1. Sie sind nicht mehr nur eine Pflichterfüllung, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Kontaminationskontrollstrategie. Die Schulungen müssen auf die spezifischen Anforderungen des Annex 1 zugeschnitten sein.
Moderne Schulungsmethoden wie VR-Schulungen (Virtual Reality) können die Mitarbeiter besser erreichen und ihr Verhalten positiv beeinflussen. Die Einbindung von Ergebnissen aus Mediafills und Smoke Studies in die Schulungen erhöht die Effektivität. Eine offene Kommunikation und die Berücksichtigung des Datenschutzes sind wichtig, um die Akzeptanz der Mitarbeiter zu gewährleisten.
Qualitätsrisikomanagement (QRM): Neue Denkansätze
Das Qualitätsrisikomanagement (QRM) wird im Annex 1 großgeschrieben. Es soll neu gedacht werden, mit Fokus auf den Sterilbetrieb. Die Mitarbeiter im QRM müssen eine fundierte Ausbildung haben und interdisziplinär zusammenarbeiten.
Die Einbindung der QP (Qualified Person) in das QRM-System gewinnt an Bedeutung. Die QP soll nicht nur die Chargenfreigabe durchführen, sondern aktiv in den Prozess eingebunden sein. Durch die Etablierung einer Governance-Struktur wird auch die Geschäftsführung in die Verantwortung genommen.
Pupsit: Integritätstests von Sterilfiltern
PUPSIT steht für “Post Use Pre Sterilization Integrity Testing” und bezeichnet die Testung des Sterilfilters vor und nach der Sterilfiltration. Der Annex 1 fordert, dass dieser Test in der Linie durchgeführt wird. Dies hat zu erheblichen Diskussionen und Einsprüchen geführt.
Die Umsetzung von Pupsit ist nicht immer einfach. In bestimmten Fällen kann auf den Pupsittest verzichtet werden, wenn dies wissenschaftlich und risikobasiert begründet ist. Die Schulung der Mitarbeiter ist auch hier entscheidend, um den aseptischen Zusammenbau des Sterilfilters sicherzustellen.
Die größten Herausforderungen und Lösungsansätze
Die Pharmaindustrie steht bei der Umsetzung des Annex 1 vor großen Herausforderungen. Hier sind einige der größten Probleme und mögliche Lösungsansätze:
- Integration der CCS in das bestehende System:
Lösung: Interdisziplinäres Team bilden, Risikoanalysen überarbeiten, Dienstleister einbinden - Wahl der geeigneten Barrieretechnologie:
Lösung: Risikobasierte Entscheidung treffen, Behörden einbeziehen, RABS evaluieren - Schulung der Mitarbeiter:
Lösung: Moderne Schulungsmethoden einsetzen, Ergebnisse aus Mediafills und Smoke Studies einbinden - Qualitätsrisikomanagement:
Lösung: QRM neu denken, QP einbinden, Governance-Struktur etablieren - Umsetzung von Pupsit:
Lösung: Risikoanalyse durchführen, Alternativen evaluieren, Mitarbeiter schulen
Der Annex 1 stellt die Pharmaindustrie vor große Herausforderungen. Es erfordert eine umfassende Auseinandersetzung mit den Inhalten und eine Anpassung der bestehenden Prozesse. Die Kontaminationskontrollstrategie, Smoke Studies, das First Air Prinzip, Barrieretechnologien, Schulungen, Qualitätsrisikomanagement und Pupsit sind zentrale Punkte, die bei der Umsetzung berücksichtigt werden müssen. Mit den richtigen Strategien und Lösungen können Unternehmen die Anforderungen des Annex 1 erfüllen und die Patientensicherheit gewährleisten.


